Concrete – Fotografie und Architektur

Concrete – Fotografie und Architektur
02.03.-20.05.2013


Architekturen und Städte sind Körper und Bilder zugleich. Sie werden unmittelbar
körperlich, sinnlich, aber ebenso über Bilder erlebt. Bilder sprechen eine eigene
Sprache, bieten einen anderen Diskurs als die körperliche Erfahrung von Architek-
tur. Sie verwandeln Volumen in Fläche, sie destillieren Materie zu Form und Zei-
chen. Fotografie formt Architektur, verformt sie, vergrössert, verkleinert, erhöht
oder erniedrigt sie, akzentuiert sie, aber kaum je wird Architektur „in Ruhe gelas-
sen“. Concrete – Fotografie und Architektur will sich dem eigentümlichen, vielfälti-
gen Verhältnis von Architektur und Fotografie auf verspielte, erzählerische und dia-
lektische Weise annähern. Die Ausstellung fragt nach Historie und Ideologie, aber
auch ganz konkret nach Form und Materie im fotografierten Bild.

Die visuelle Anziehungskraft von zerstörten oder zerfallenen Gebäuden wird eben-
so thematisiert, wie wuchtige Macht- und Abgrenzungsdemonstrationen, aber auch
Fragilität und Schönheit einer Architektur auf Zeit. Inwiefern beeinflusst die Foto-
grafie nicht nur die Wahrnehmung, sondern auch die Gestaltung von Architektur?
Wie wird Architektur im Bild lebendig, wann wird sie unheimlich? Wie wachsen Sied-
lungen zu Städten zusammen? Oder soziologischer gefragt: Wieso verschränken
sich Arbeit und Leben in Zürich und Winterthur anders als in Kalkutta? Und wie las-
sen sich Wolkenkratzer und Wohnräume in die flache Welt der Fotografie übertra-
gen?
Concrete – Fotografie und Architektur ist jedoch nicht chronologisch geordnet. Statt-
dessen wird mit markanten Setzungen, Gegenüberstellungen und thematischen Fel-
dern gearbeitet, die Konkretes, Grundsätzliches und Historisches miteinander verbin-
den. Neben Alltagsarchitektur und Prachtbauten, strukturierenden horizontalen und
vertikalen Achsen, neben Haus und Heim, Utopien, Plan und Wirklichkeit wird auch
die anziehende Vergänglichkeit der Architektur durch den Zahn der Zeit, durch natür-
liche und absichtliche Zerstörungen eine wichtige Rolle spielen. Fast scheint es, als
wolle die Fotografie die in Stein gehauene und in Beton gegossene Wucht und Macht
moralisch auch an ihre Schwäche erinnern. Die Architektur ist seit jeher ein grossar-
tiger und heftig debattierter Schauplatz von Zeitgeist, Weltanschauung, Alltag und Äs-
thetik. Sie ist gewagte Materialisierung von privaten und öffentlichen Visionen, Ge-
brauchskunst und Avantgarde zugleich, und sie ist auch, wie Slavoj Žižek schreibt,
„Stein gewordene Ideologie“. Fotografie und Architektur sind beide aber auch ganz
selbstverständlich in unserem Alltag verankert, sie begegnen uns täglich – oft unbe-
wusst – auf Schritt und Tritt, und beeinflussen unser Denken, Handeln und Sein auf
untergründige, nachhaltige Art und Weise. Concrete – Fotografie und Architektur gibt
visuelle Antworten auf die Frage, was das innige und doch so komplizierte Verhältnis
zwischen Architektur und Fotografie, zwischen Architekt und Fotograf auszeichnet.

Die Ausstellung zeigt über 400 Fotografien und Werkgruppen aus dem 19., 20. und
21. Jahrhundert, von William Henry Fox Talbot, Domenico Bresolin und Charles Mar-
ville über Germaine Krull, Lucia Moholy bis zu Julius Shulman, und schlägt einen Bo-
gen zu zeitgenössischen Positionen wie Georg Aerni, Iwan Baan, Luisa Lambri und
Hiroshi Sugimoto. Forschungsprojekte wie die fotografische Langzeitbeobachtung
Schlierens oder Wolfgang Scheppes Migropolis verdeutlichen, dass künstlerische
Fotografie als Instrument von Forschung und Erkenntnis eine zunehmend wichtige-
re Rolle spielt. Kurator: Thomas Seelig. Wissenschaftliche Mitarbeiterin: Daniela
Janser.

Begleitend zur Ausstellung erscheint ein reich illustriertes Buch im Verlag Scheidegger
& Spiess mit rund 300 Farb-und S/W-Abbildungen, Essays von Jochen Becker, Johan-
nes Binotto, Verena Huber Nievergelt, Michael Jakob, Nicoletta Leonardi, Lorenzo
Rocha, Caspar Schärer, Aveek Sen und Urs Stahel sowie einem Gespräch mit
Annette Gigon, Meret Ernst und Armin Linke.
Lala Aufsberg
Lichtdom, 1937
Silbergelatine-Abzug, 24 x 18 cm
Stadtarchiv Nürnberg
© Foto Marburg
Aage Strüwing
Arne Jacobsen: Rathaus von Rødovre, 1955
Silbergelatine-Abzug, 23,7 x 17 cm
EPFL Archives de la construction moderne, Fonds Alberto Sartoris, Lausanne
© Nachlass Strüwing
Anonym
Hardstrasse mit Hardbrücke im Bau, 1972
Silbergelatine-Abzug, 8,8 x 12,6 cm
Baugeschichtliches Archiv der Stadt Zürich
Michael Wesely
Kanadische Botschaft, Leipziger Platz, Berlin (5.2.2003 – 28.4.2005)
C-Print, 125 x 175 cm
Galerie Fahnemann, Berlin
© Michael Wesely/Courtesy Galerie Fahnemann
Laurence Bonvin
Blikkiesdorp, Cape Town, South Africa, 2009
Inkjet-Print, 40 x 50 cm
Courtesy die Künstlerin
© Laurence Bonvin
Beni Bischof
Castles – Added New Protection V
(Schlösser – zusätzlicher neuer Schutz), 2009
Inkjet-Print, 128 x 90 cm
Courtesy der Künstler
© Beni Bischof
Walker Evans
Chrysler Building under construction, New York
(Chrysler Building im Bau), 1929
Silbergelatine-Abzug, 16.8 x 8.3 cm
Canadian Centre for Architecture, Montréal
© Walker Evans Archive, The Metropolitan Museum of Art
Charles Marville
24, Rue Bièvre, Paris, 1865–1869
Albumin-Abzug, 27.4 x 36.6 cm
Sammlung Thomas Walther
Tobias Zielony
Le Vele di Scampia, 2009
Fotoanimation, 8.57 Min.
KOW, Berlin und Galleria Lia Rumma, Mailand
© Tobias Zielony/ KOW
Guido Guidi
#1176 01 29 1997 3:30PM Looking Southeast
Aus Carlo Scarpa's Tomba Brion, 1997
C-Print, 19,5 x 24,6 cm
Courtesy der Künstler
© Guido Guidi
F.C. Gundlach
"Op Art"-Badeanzug von Sinz, Vouliagmeni/Griechenland, 1966
Silbergelatine-Abzug, 50 x 50 cm
F.C. Gundlach, Hamburg
© F.C. Gundlach
Lucien Hervé
Le Corbusier: Fassade des Sekretariatsgebäudes, Chandigarh, 1961
Silbergelatine-Abzug, 25.5 x 25.4 cm
Canadian Centre for Architecture, Montréal
© Estate Lucien Hervé
Moriz Nähr
Stiegenhaus im Haus Stonborough-Wittgenstein, 1928
Silbergelatine-Abzug, 13.8 x 8.9 cm
Albertina, Wien
© Nachlass Moriz Nähr
William Henry Fox Talbot
The Bridge of Sighs, St. John’s College,
Cambridge, 1845
Salzpapier-Abzug, Calotypie, 16.4 x 20.6 cm
Museum Folkwang Essen
Superstudio
New New York
Aus Il monumento continuo, 1969
Siebdruck, 70,3 x 100 cm
Neue Galerie, Graz
© Superstudio